Freitag, September 15, 2006

M.Z./6: Gedser, wild wild west




Dänemark. Ich spüre es leichter werden in mir. Die Wolken sehen hier anders aus. Im Wasser stehen Windräder und die Stadt, in der wir ankommen, ist keine Stadt, sondern ein kleiner Durchgangsort: Gedser, ausgesprochen: „Gesser“. In der ersten Nacht finden wir bei weltuntergangsstimmung Unterschlupf in der Vogelstation. Gulia dreht deshalb völlig durch! In der Naturskole, in der wir die kommenden Nächte verbringen, wird es nicht besser. Sie spricht mit den ausgestopften Vögeln, will gar nicht mehr von ihnen lassen...





Gedser ist so besonders schön, erfahren wir bei einer Führung, weil es keine so schrecklichen Dinge wie eine Disko gibt.


Nein, das ist kein Ort für mich. Was macht nur das Dutzend Jugendlicher hier, alle zwischen asch- und weißblond, die ich in der Nacht auf der Straße beieinander stehen sehe? Früher gab es hier wohl noch allerlei, mehrer Bäcker, Fleischer, Frisöre. Heute gibt’s das alles nicht mehr. Selbst eine künstliche Welt unter einer Kuppel befindet sich hier! Mit tropischem Klima und einer Rutsche. Aber, ach, auch sie ist unbewohnt, wird nicht mehr frequentiert. Aber die kleinen Häuschen davor werden als Ferienwohnungen vermietet.


Dafür treffen wir hier Deutsche, die bei der Fähre Arbeit gefunden haben. Wieder ein Ort, der von seinen Verkehrsadern lebt.


Die Dänen scheinen besonderen Wert auf hübsche Straßendekoration zu legen. Entlang der Hauptstraße zäumen Blumenampeln mit roséfarbenen Geranien den Weg. Eigentlich warte ich fast darauf, das Heuballen über den Asphalt fegen. Dieser Eindruck wird in der Gedser Remise noch verstärkt. Hier stehen prachtvolle alte Züge und Dampflokomotiven. Das Areal ist zugewuchert mit Gräsern und Ginster. Die Zeit vergeht hier langsamer und in allen Ecken warten Geschichten darauf, erzählt zu werden. Und nebenan stehen Autos Schlange, wartend auf die nächste Fähre.





Ich muss mich erst akklimatisieren. Begreifen, wo ich bin und mit diesen merkwürdigen Gemütlichkeistanwandlungen klar kommen. Ich bin nicht die einzige. Uli findet ein unbeschreibliches Vergnügen daran, sich in den Brombeerbüschen die Hände und Beine blutig kratzen zu lassen. Dafür bringt sie am Abend mindestens 3 Kilo Früchte mit ins Haus. Und was tue ich? Fast ist es mir unangenehm es zu sagen, aber ich ertappe mich dabei, wie ich in der Küche stehe und Kuchen backe! Unfassbar! Sogar mit Streuseln. Ich muss schnell weg hier! Ich brauche einen Saloon und High Noon und einen dänischen Cowboy!